2014-07-03-1

Schulgeschichte

Peter Wiemar – Ein Schicksal aus der NS-Zeit

Interview mit Frau Meessen über einen ehemaligen Konrektor unserer Schule

Frau Meessen ist ganz zufällig auf Peter Wiemar, der früher Konrektor an der RAS (damals noch Mittelschule) war, gestoßen. Sie suchte mehr Informationen über ihn und stieß auf eine interessante Lebensgeschichte, die zeigt, wie sehr das Leben einzelner Menschen durch den Nationalsozialismus verändert wurde. Klaudia Sieger von der Onlinezeitung „Durchblick“ hat mit Frau Meessen ein Interview zu Peter Wiemar geführt. Maximilian Mason hat die wichtigsten Ereignisse im Leben von Wiemar in einem Lebenslauf zusammengestellt.

Wieso haben Sie sich mit der Person Peter Wiemar beschäftigt?

Peter Wiemar 1941, Quelle: „125 Jahre Leverkusen.“ Hrsg.: SPD-Unterbezirk Leverkusen, verantwortlich: R.Braun, Leverkusen 1994

2004 gab es in unserer Schule eine Ausstellung in der Pausenhalle (Titel: „Zeitreise“), die ich zusammen mit Schülern gestaltet habe. Ich hatte schon seit 2001 recherchiert und habe einen Artikel über Peter Wiemar gefunden, doch da ich zeitlich bedingt nicht weiter über ihn recherchieren konnte, geriet er  langsam in Vergessenheit. Als ich dann für das 100jährige Schuljubiläum im vergangenen Jahr nochmals recherchiert habe, bin ich wieder auf Peter Wiemar gestoßen.

Er war vor 1933 Konrektor  an unserer Schule, wurde dann  aber wegen des  „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“  von den Nationalsozialisten  aus dem Dienst entlassen. Gerade diese Tatsache hat mich interessiert: Ein Lehrer, der wegen seiner politischen Überzeugung seine Arbeit verliert. Ich wollte mehr über Peter Wiemar wissen.

Warum wurde Peter Wiemar aus dem Schuldienst  entlassen?

Er war Mitglied der SPD  und der USPD  und dort auch sehr aktiv und in den Augen der Nationalsozialisten somit ein politischer Gegner. Laut des schon oben genannten Gesetzes konnten die Beamten, die aufgrund ihrer politischen Aktivität gegen die NSDAP waren oder auch, wenn sie Juden waren, entlassen werden. Die offizielle Begründung aus dem Gesetz lautete:  „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden.“

Während Ihrer Recherche stießen sie auf etwas Überraschendes. Peter Wiemar hatte sich 1933 zur NSDAP bekannt. Warum hat er das getan?

Er wollte wahrscheinlich weiter als Lehrer arbeiten und hat aus diesem Grund wohl versucht sich der NSDAP „anzubieten“. Doch klappte dies nicht, obwohl ein NSDAP – Landrat aus Opladen versucht hatte,  ihm zu helfen, indem er eine Bescheinigung schrieb, in der er behauptete, dass Wiemar kein allzu  „radikaler“ SPD-Mann war. Zwar war Peter Wiemar schon seit zwei Jahren nicht mehr in der SPD aktiv, trotzdem war er für die Nationalsozialisten politisch nicht „zuverlässig“ und aus diesem Grund wurde er aus dem Schuldienst entlassen.

Wie verlief das Leben von Peter Wiemar danach weiter?

Er flüchtete an den Bodensee und war dort auch als Schriftsteller tätig. Schon in Leverkusen hatte er Gedichte geschrieben (z.B. „Mein Eifelbuch“ 1922) , am Bodensee schrieb er dann während der NS-Zeit und nach 1945 Romane (z.B. „Annette und Levin“ , „ Herr auf Mettnau“, „Der Schutzgeist“.

 

Originalmanuskript von „Herr auf Mettnau“ von Peter Wiemar.
„Begonnen 1938 in Allensbach am Bodensee.
Dieses Kapitel wurde im Juli 1945 vor der Beschlagnahmung durch die Franzosen gerettet.“
Quelle: Archiv Radolfzell am Bodensee, mit freundlicher Genehmigung von Herrn A. Fenner.

Am Bodensee zog er noch dreimal um. Seine Frau bekam 1939 eine Stelle an einer Grund – und Hauptschule, wurde aber kurze Zeit später entlassen, möglicherweise, weil Peter Wiemar zu wenig Geld an Nazi –Organisationen spendete, dies ist aber nur eine Vermutung, die auf einem Dokument des Winter-Hilfswerks beruht.

1944 wurde Wiemar zur Wehrmacht eingezogen und am 03.07.1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Ihm wurde seine Stelle als Mittelschulkonrektor an unserer Schule wieder angeboten und am 04.06.1946 nahm er diese auch an. Sechs Monate später  verließ  er die Schule aber schon wieder und trat eine leitende Stelle im Arbeitsamt Düsseldorf an.  Warum er nur so kurz an seiner alten Schule blieb, ist mir nicht bekannt. Vielleicht war er aufgrund von Gefangenschaft und Kriegsdienst zu krank und war dem Beruf des Lehrers nicht mehr gewachsen. Vielleicht mochte er aber auch nicht mit den Kollegen zusammen arbeiten, die schon in der NS-Zeit dort Lehrer waren.  Er arbeitete dann noch  etwas mehr als zwei Jahre in Düsseldorf, bevor er in den Ruhestand versetzt wurde und an den Bodensee zurückzog.  Am 07.09.1956 starb Peter Wiemar im Krankenhaus Stockach am Bodensee aufgrund einer Lungentuberkulose. Am 3.9.1956 hatte man ihm noch eine Wiedergutmachung dafür gewährt, dass er über 12 Jahre seinen Beruf nicht ausüben durfte. Er erhielt dafür 2.248,04 DM.

 Wie ist Ihre persönliche Meinung zu Peter Wiemar?

Nachdem ich erkannt hatte, dass er 1933 versucht  hatte, sich der NSDAP „anzudienen“,  war ich, ehrlich gesagt, ziemlich schockiert. Bis zu dieser Entdeckung war Wiemar für mich ein Held. Ein Gegner der Nazis, der zu seiner politischen Überzeugung stand und deshalb seinen Beruf aufgeben musste. Jetzt stellte sich heraus, dass dies nicht ganz der Wahrheit entspricht. Schließlich hatte Wiemar versucht, sich bei den Nationalsozialisten „einzuschmeicheln“ – auch wenn dies durchaus nachvollziehbar sein mag, weil er nicht seine Arbeitsstelle verlieren wollte. Peter Wiemar war eben doch kein „Held“, sondern ein ganz „normaler“ Mensch mit Ängsten. Wer weiß schon, wie wir damals reagiert hätten. Es war ein tragisches und gebrochenes Leben. Er ist ein Beispiel  dafür, wie die Nationalsozialisten Leben zerstörten. Das schlimmste ist, dass er kein Einzelfall war!

 Eine Frage zum Abschluss: Wie kamen Sie an all Ihre Informationen heran?

Ich habe gute Kontakte im Stadtarchiv Leverkusen und habe mich auch in Bibliotheken, im Internet und in anderen Archiven erkundigt. Ich schrieb E-Mails an die entsprechenden Archive oder rief dort an, um nach Informationen zu fragen und ich habe von vielen netten, hilfsbereiten Leuten Antworten bekommen und auch eine Menge Material.

 Lebenslauf Peter Wiemar: